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Aus: Audimax, Marburg extra, Nr. 48 vom 29. November 2000
Mensur - eine zeitgemäße Sache? Wohl kaum, aber das ist auch nicht ihr Zweck. Für Verbindungsstudenten bedeutet diese streng formalistische »Sportart« viel mehr als nur Tradition. Von Mareike Ammenwerth
Das Mensurfechten gehört für viele unzertrennlich zum Mythos Verbindung dazu. In jüngster Zeit kann ein verstärkter Zuwachs bei schlagenden Verbindungen festgestellt werden. Warum wird das studentische Mensurfechten heute immer noch gepflegt?
»Zum einen stärkt das Fechten das Gemeinschaftsgefühl und zum anderen uns selbst. Es hat aber auch viel mit der über 100-jährigen Tradition unserer Bundesbrüder zu tun«, erklärt Axel Wöller, Landsmannschaft Rhenania-Jena zu Marburg.
Mensurfechten, auch studentisches Fechter oder akademisches Fechten genannt, ist hier in Marburg ein reines Hiebfechten, es wird also nicht gestochen. Die Paukanten stehen sich in einem festen Abstand (Mensur) gegenüber.
Ein approbierter Arzt ist immer dabei
Die Fechter oder Paukanten sind bei ihrer Partie geschützt. Sie tragen hieb- und stichfeste Westen, Kettenhemd, Tiefschutz, Halsbandage, Armschutz, einen Mensurhandschuh mit Ketteneinlage und eine Röhrenbrille mit Nasenblech. Zumeist werden entweder Ohren- oder Wangenleder getragen. Obwohl ernste Verletzungen somit ausgeschlossen sind, ist immer ein approbierter Arzt bei der Mensur anwesend.
An der Mensur sind nicht nur die beiden Paukanten, sondern auch ein Mensurteam beteiligt, welches jeweils aus einem Sekundant, einem Testant, einem Schlepper sowie einem Schreiber besteht.
Die Klinge wird stets desinfiziert
Der Sekundant, meist ein Bursch mit mindestens zwei geschlagenen Partien, hat dafür zu sorgen, daß nur ordnungsgemäße Hiebe und Hiebfolgen geschlagen werden. Er greift zum Schutze seines Paukanten ein, um eine faire Mensur zu gewährleisten. Der Testant hat dafür zu sorgen, da die Klinge stets gerade und nach jedem Gang desinfiziert ist. Der Schlepper stützt den Arm des Paukanten zwischen den Gängen, damit der Paukant seinen Arm entlasten kann.
Der Schreiber notiert die Personalien
Die Aufnahme der Personalien der beiden Mensurteams sowie das Notieren der Anzahl der gefochtenen Gänge erledigt der Schreiber. Als oberstes Entscheidungsorgan während einer Partie steht der Unparteiische. Er gehört keiner der beiden zur Mensur stehenden Verbindungen an. Er ist während der Mensur unverletzlich. Seinen Entscheidungen und Anordnungen hat sich jeder zu fügen. Er eröffnet die Mensur, sorgt für Ruhe und Ordnung und beantwortet und entscheidet die Anfragen der Sekundanten.
Schmiss oder nicht Schmiss?
Selten trägt einer einen Schmiss in einer Pflichtpartie davon. Viele fechten aber mehr als die in der Regel geforderten zwei Pflichtpartien. Damit steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, doch einen Schmiss zu bekommen.
Begriffe wie Sieger oder Verlierer sind der Mensur fremd. Nach einer Mensur fallen sich beide Parteien freundschaftlich in die Arme. Meist folgt darauf ein »Zipfeltausch«, der die Freundschaft und die Verbundenheit der beiden Paukanten zeigen soll.
In »Paukstunden« wird das Fechten geübt
Regelmäßige Trainingseinheiten, sogenannte Paukstunden, sollen dem Paukanten eine gewisse Routine geben. Zur Mensur geht ein Paukant erst, wenn er sich sicher fühlt und ein passender Partner gefunden wurde. Größe und Können müssen bei beiden Parteien übereinstimmen.
»Das Gefühl vor der Partie ist vielleicht zu vergleichen mit dem Gefühl vor dem Abitur«, erklärt Holger Diener, Landsmannschaft Rhenania-Jena zu Marburg. »Man spürt ein absolutes Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn man dann auf dem Paukboden steht. Alle stehen in schwarzen Anzügen um einen herum und wünschen einem Glück. Man weiß genau, daß alle in dem Raum diese Situation auch schon durchlebt haben und mitfühlen können«.
Manchmal stehen bis zu vier Generationen einer Familie im Saal. Vom Großvater bis zum Urenkel haben alle gefochten. Der Uropa weiß dann genau, was sein Urenkel durchlebt.
»Ein Gefühl wie beim Bungee-Springen«
»Hat man es geschafft ist es ein total befreiendes Gefühl. Man spürt das Adrenalin. Es ist einfach gigantisch. Vielleicht kann man das Gefühl mit Bungee-Springen vergleichen. Wir sind ein Lebensbund und haben alle eine gemeinsame Erfahrung«, ergänzt Wöller.
Die Pauktage werden immer wieder von Außenstehenden gestört. »Die Akzeptanz von Außen ist nicht sehr groß. Gerade die, die Toleranz fordern, stören am meisten. Für diese Leute ist es schwer, das Ritual zu verstehen, weil sie es selbst nicht erlebt haben«, so die Meinung von Wöller.
Das Mensurfechten stellt ein Auswahlkriterium dar. »Man kann davon ausgehen, daß jemand, der auf sein Band gefochten hat, also seinen Kopf für die Verbindung hingehalten hat, in seiner Verbindung bleiben und sich engagieren will«, interpretiert Nicklas Zielen, Landsmannschaft Rhenania-Jena zu Marburg.
Was das Fechten betrifft besteht, unter den meisten Verbindungen Einigkeit. Das Fechten ist zwar eine spannende Angelegenheit, vielleicht »die exklusivste Sportart der Welt«, sie ist aber gegenüber dem Studium eine reine Nebensache.
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