Kein Schiss vor dem Schmiß
03. Februar 2000
Frankfurter Neue Presse, Donnerstag, 03.02.2000
Kein Schiss vor dem Schmiss
Von Gernot Gottwals
Niederrad. Die Luft ist zum Schneiden dick, kein Laut ist zu hören. In voller Montur, wie tapfere Ritter ausgerüstet, stehen Marco Hartmann und Sebastian Heinz (beide 21) von der Straßburger Turnerschaft Alsatia in Niederrad in Kampfstellung: Sie werden ihre Kräfte in einer Mensur messen. Dann ertönt plötzlich in die Stille hinein das scharfe Startkommando - "Hoch, bitte. Mensur, fertig, los!" Schon schwirren die hastig klirrenden Schläger der Fechter, im Verbindungsjargon "Paukanten" genannt, durch die Luft.
Vier mal 30 Hiebe werden ausgeteilt, blitzschnell und für den Laien kaum zählbar. Zwei Sekundanten, ebenfalls mit Schlägern ausgerüstet, gehen nach jedem Gang und bei unfairen Hieben dazwischen. Nach 15 Minuten ist der Spuk vorbei.
Generalprobe im Fechtkeller der Turnerschaft in der Schwarzwaldstraße 140: Zwei Mitglieder auf Probe, "Füchse" genannt, üben für den Ernstfall, den "Pauktag". Dann nämlich fechten Paukanten verschiedener schlagender Verbindungen und halten im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf hin: Die Paukbrille schützt Augen und Nase, doch das restliche Gesicht ist den berüchtigten "Schmissen" ausgesetzt. Wenn die scharfen Klingen dorthin treffen, fließt Blut. Deshalb ist volle Konzentration angesagt, und bei jeder Partie muss ein "Paukarzt" anwesend sein, der die Blessuren versorgt.
"Einen Tag vorher macht man sich noch klar, was alles passieren kann. Dann wird es einem etwas anders, und man fragt sich, warum man das tut", erinnert sich Marco, der gerade die erste Partie überstanden hat. Doch am Tag der Mensur ist die Angst wie weggeblasen. "Als ich zur Partie antreten musste, spürte ich so etwas wie einen Adrenalinstoß. Plötzlich war ich nur noch konzentriert. Ich befürchtete lediglich, die Partie nicht durchzustehen und meine Verbindung zu blamieren". Was zählt, ist sauber und fair zu schlagen, zu parieren und vor allem nicht zurückzuweichen. Sonst gilt die "Mensur" als nicht bestanden - und damit, so die einhellige Meinung schlagender Verbindungen, hat der Betroffene nicht bewiesen, dass er mutig und beständig genug für die lebenslange Mitgliedschaft ist. Und die bedeutet den jungen Männern sehr viel, denn zusammen mit den "Alten Herren", den ehemaligen Studenten, möchten sie studentische Traditionen über Generationen hinweg pflegen.
Zweitrangig bei der Mensur ist es, ob man gewinnt oder verliert. Denn die Paukanten, auch "Waffenbrüder" genannt, betrachten sich nicht als Gegner. Für Außenstehende bleibt das alles unfassbar, zumal die eigentlichen "Pauktage" immer noch intern ausgetragen werden. Zuschauen darf meist nur, wer selbst Mitglied einer schlagenden Verbindung ist; auch die Paukärzte kommen aus den eigenen Reihen.
In Niederrad ist die Alsatia schon seit 17 Jahren angesiedelt und zählt 120 Mitglieder, Studenten aller Fachrichtungen, und "Alte Herren". Die aktiven Mitglieder, die mindestens zwei Mensuren bewältigen müssen, betrachten das Fechten als Ritterlichkeit und als "die exklusivste Sportart der Welt", wie es Sprecher Sven Tredup nennt. Das entspricht ihrem Selbstverständnis, denn als Mitglieder einer Turnerschaft im Geiste Turnvater Jahns treiben die Alsaten insgesamt viel Sport, vor allem Ballspiele und Leichtathletik.
Auch Ausländer werden aufgenommen, die der Mensur oft offener gegenüberstünden als Deutsche. Ansonsten spielen die "Kneipen" (gesellige Traditionsabende) und wissenschaftliche Vorträge eine wichtige Rolle in der Alsatia.
Nach Frankfurt fand die 1881 in Straßburg gegründete Turnerschaft erst nach dem Ersten Weltkrieg, als Straßburg wieder zu Frankreich zählte und viele deutsche Studenten und Professoren sich in Frankfurt niederließen. Im Namen der Turnerschaft Alsatia (Elsaß) lebt der Gründungsort aber weiter fort.
Stichwort: Studentisches Fechten
Niederrad. Das studentische Fechten hat seine Ursprünge im späten Mittelalter, als die Universitäten noch dünn gesät waren und auf den langen Wegen zwischen Studien- und Heimatort die Wegelagerer lauerten. Damals erwarben sich die Studiosi das Privileg, Säbel zu führen, was sonst nur Adeligen, Würdenträgern und Mitgliedern von Fechtergesellschaften zustand. Und während sich in der Neuzeit die Feuerwaffen durchsetzten, entwickelte sich bei Studenten und Adeligen aus dem Stoßfechten das Duell. Dieser studentische Zweikampf war bis zum Zweiten Weltkrieg noch möglich, wurde dann aber nicht mehr aufgenommen und ist heute gesetzlich verboten.
Dagegen entwickelte sich seit 1880 die studentische "Bestimmungsmensur" mit Hiebwaffen, die bis heute von schlagenden Verbindungen gepflegt wird. Sie ist legal, weil sie im Strafrecht nicht als Zweikampf mit tödlichen Waffen betrachtet wird. "Schmisse" gelten als Verletzungen mit gegenseitigem Einverständnis. (got)
(c) Frankfurter Neue Presse, 2000