Münchner Merkur, Dienstag, 18.Dezember 2001
Duell als studentische Tradition Was Hochschüler in eine schlagende Verbindung zieht
Zwei junge Männer stehen sich gegenüber, jeder hält eine geschliffene Klinge in der Hand, beide sind bereit, den Kopf ihres Gegners zu treffen. Keine Szene aus dem Mittelalter, sondern aus dem Hier und Jetzt. Doch es ist auch kein Duell auf Leben und Tod, sondern lebendige studentische Tradition. Ein Sport sogar mit vergleichsweise geringer Verletzungefahr. Über die schlagende Verbindung "Bavaria zu Weihenstephan" informierte Johann Sima an einem Vortragsabend über Geschichte, Form und Sinn der Mensur. Begonnen hatte alles im Hochmittelalter. Als in Prag 1348 die erste deutsche Hochschule gegründet wurde, wenig später folgten Krakau und Wien, strömten die Studenten aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Die Distanzen waren groß, in den Städten hatten die Studenten kein Stadt- oder Bürgerrecht, und daher schloss man sich zu "Nationes" zusammen. Wobei die Einteilung recht grob nach Himmelsrichtungen vorgenommen wurde. Die Studenten wohnten in "Bursen" zusammen, dort wurde auch gelehrt. Die Studenten, meist adeliger Herkunft, kamen zu Fuß und wollten auf ihrer langen Reise nicht unfreiwillig erleichtert, werden, daher durften sie Waffen tragen. Ein Recht, das von Kaiser Maximilian verbrieft worden war. Natürlich wurde die Waffe zu Ehrenhändeln benutzt. Dabei galt der Zweikampf als Gottesurteil. Wer siegte, hatte Recht. Das unterschied ihn aber von den Duellen nach romanischem Recht wo bis zum Tode gekämpft wurde. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Studenten konnte jedoch schon eine relativ kleine Wunde zu Ehrenbereinigung führen. Und das reizte natürlich viele, die eigene Schneidigkeit durch möglichst viele Zweikämpfe unter Beweis zu stellen, Dabei wurde die Form der Duelle zunehmend ritualisiert. So ging man, nach einer kurzen Zeit der Stoßduelle, schnell wieder zu Hiebduellen zurück. Sind doch bei einem Hieb die Verletzungen zwar größer, bleiben jedoch an der Oberfläche. Die letzten Stoßmensuren wurden jedoch erst Mitte des neunzehnten Jahrhundert gefochten. Denn bei einer Studienrichtung blieben sie weiterhin hoch in Mode. Klar, wer als Theologiestudent ein kirchliches Amt anstrebte, dem schien ein Schmiss über die Wange eher unpassend. Im Laufe der Jahre wurde eine entsprechende Schutzkleidung entwickelt. Trotzdem war das Fechten lange Zeit ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Wobei das Risiko für die Wundheilung weniger durch die eigentliche Verletzung, sondern in den schlechten hygienischen Bedingungen bestand. Todesfälle waren auf schwere Wundinfektionen und Sepsis zurückzuführen. Geändert hat sich heute auch die Art und Weise, wie es zur Mensur kommt. War anfangs noch eine Pro-Forma-Beleidigung - beispielsweise "Dummer Junge" - notwendig, so schlägt man heute Pflichtmensuren. Das heißt, im Laufe des Studentenlebens muss man sich, je nach Verbindung, zwei, oder mehrmals messen. Bevor es jedoch so weit ist, muss man in einer Fechtvorführung zeigen, dass man sein Fechtgerät beherrscht, die Regeln kennt und ähnliches. Außerdem werden möglichst gleichstarke Gegner ausgesucht. Natürlich ist es weiterhin möglich, mit den Pro-Forma-Beleidigungen zu ein paar zusätzlichen Mensuren zu kommen. Aber da müssen sich dann schon die beiden Richtigen finden. Niemand wird gezwungen, gegen einen übermächtigen Gegner anzutreten. Sicherheit ist heute oberstes Gebot, wie die Verbindungsstudenten betonen. So steht dem "Duellanten" immer ein Sekundant zur Verfügung, der für ihn spricht und in den Kampf eingreifen kann; der "Testant" sorgt zudem für eine regelmäßige Desinfektion der Klinge. Sollte dennoch etwas schief gehen, stehen stets zwei Ärzte bereit.
Warum Mensur-Fechten ?
Nicht die Mensur und das Fechten wird als Hauptaufgabe der Verbindung angesehen, sondern das Studium. Die Verbindung wird aber auch als eine Lebensgemeinschaft verstanden. So muss, wer in der schlagenden Verbindung ist, auch "Paukstunden" (Fechtunterricht) nehmen. Als Zeichen, dass er sich für seine Gemeinschaft engagiert. Dabei soll der Student sich auch in einer Grenzsituation erleben, wovon er dann auch bei anderen Gelegenheiten profitieren können soll. Außerdem soll das Verbindungsmitglied den Umgang mit Kritik erlernen: Das beginnt schon beim Vorfechten, wenn einm Bundesbruder etwa sagt: "Na, so toll war das nicht". Und auch nach der Mensur ist immer Kritik angesagt.
Stefan Jahnel
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